Hofgeschichten

erzählt von Susanne Weber

 

 

 

 

Die Geschichte von dem Jungen,

der auf einem Baum saß und beschloss, mutig zu werden

 

Es war Winter und ein Junge, ich nenne ihn Tom, kam zu uns auf den Hof. Er war blass, dünn und nervös aber vor allem müde. Müde, weil er den ganzen Tag herum hampelte, müde, weil er zu viel erlebt hatte in seinem Leben und müde, weil er weder sich noch seiner Umwelt vertrauen konnte. Da war er also; er hatte kurze Hosen an und beschwerte sich, dass es kalt war.

Die erste Zeit schlief er sehr viel. Die erste Stunde des Tages verbrachte er mit Singen, dabei aß er ein bisschen und seine größte Sorge war, wann er die erste Zigarette des Tages rauchen durfte. Bevor es diese allerdings gab, musste er sich erstmal mit dem Ganter auseinandersetzen und es schaffen den Gänsepferch unbeschadet wieder zu verlassen. Dies schafft man, indem man gänsisch denkt, sich klein macht, mit dem Arm einen Gänsehals imitiert und die Gänse zum Fressen einlädt.

Wir nähern uns langsam seinem Hauptthema- seiner Angst: er hatte nämlich vor vielen Dingen Furcht. Die Gänse ängstigten ihn, er traute den Schafen nicht, genauso wenig wie den Eseln oder Pferden. Er achtete auf jede Bewegung der Hunde und der Katzen, da sie ihm manchmal nicht geheuer waren. Bei den Kaninchen waren es die Krallen, die zu lang und spitz waren. Die Schweinchen hatten zu große Zähne und vor allem war ihre Grunzerei zu laut und zu fremdländisch für ihn. Die Menschen waren ihm zu direkt und er konnte es nicht glauben, dass er bleiben durfte, obwohl er ihre Nerven zum Teil sehr strapazierte.

Er war es in seinem früherem Leben gewohnt, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen- das klappte auf diesem Fleck Erde nicht mehr. Die Tiere beäugten ihn nicht wegen seiner Vergangenheit, sie begrüßten ihn immer wieder, auch wenn er totterte oder maulte. Keines von ihnen jagte ihn vom Hof- auch wenn er gerade in der ersten Zeit unzuverlässig war und sie zum Teil lange auf ihr Futter warten mussten, weil er lieber sein Leben verträumte.

Am meisten Furcht hatte Tom vor den sechs Böcken.

Sie waren in einzelne Gruppen aufgeteilt- jeder Bock hatte seine Damen. Es wurde nun aber Zeit, die Böcke wieder auf einer Koppel zu versammeln, damit die Schafdamen ungestört ihre Schwangerschaft verleben konnten.

Dieses Szenario war Tom kein bisschen geheuer. Wir fingen die Böcke und brachten sie an einem Strick auf deren Koppel. Er beäugte uns aus sicherem Abstand.

Wenn sich die Böcke wieder treffen, müssen sie Jahr für Jahr ihre Rangordnung wieder austesten, was so funktioniert, dass sie einige Meter auseinander gehen und dann mit ihren Köpfen gegeneinander rammen.

Dies schockte Tom sehr, er rief ihnen zu, dass Gewalt keine Lösung sei. Er zog Parallelen zu seinem eigenem Konfliktverhalten. Er hörte stets auf zu prügeln, wenn ein Gegner auf dem Boden lag- aber der Pommernbock? In dieser Situation musste er sogar Partei für seinen Feind, dem Zackelbock, ergreifen.

Mittlerweile wurde es dämmrig; Tom war bei uns geblieben, wenn auch auf Abstand. Ich rief: “Ein Bock!“. Da passierte etwas unerwartetes- Tom kletterte schneller als ein Eichhörnchen den nächsten Baum hinauf und schaute ängstlich hinab. Ein bisschen mussten wir lachen über unseren straßenkampferfahrenen Tom.

Aber auf dem Baum passierte etwas. Tom kam herunter und trieb mit uns die Pommern- Damen auf eine andere Koppel- er verglich die Schäfchen zwar noch mit kleinen Wölfen, aber er war mit auf der Koppel und traute sich an die Schafe heran.

Seit diesem Tag fasste er sich immer mehr ein Herz und nahm zunehmend mehr Kontakt zu den Tieren auf.

Letzte Woche ging er alleine die Schafe füttern- natürlich völlig stolz. Er kann zwar viele Verhaltensweisen der Tiere nicht einschätzen und bekommt noch oft einen Schreck, aber er überwindet seine Furcht immer mehr. Er erzählt mir dann glücklich, dass er ein Schaf streicheln durfte.

Besonders anrührend war folgende Situation: unser ältester Leitbock Böckie und unser jüngster Bock Hagrid (diesen Namen hat Tom vergeben) sind wegen des anhaltenden Frostes im Stall. Wir füttern sie jeden Tag mit Hafer, um sie handzahm zu machen. Ich war überwältigt, als nach vielen Tagen Tom im Stall saß und der alte, graue Böckie ihm aus der Hand fraß.

Die Tiere waren wertfrei gegen Tom und sind ihm dankbar, dass er sie durch seine Hege und Pflege den Winter über am Leben hält. Sie haben ihm beigebracht, dass es sich lohnt, einen Neuanfang zu wagen und Vertrauen aufzubauen. Tiere haben ein Grundvertrauen gegenüber den Menschen- warum gibt es so viele Menschen, die sich aus Furcht vor dem Leben in sich zurückziehen und die Tür zu ihrem Herzen verschließen? Ich bin glücklich, dass unsere Tiere den Schlüssel zu Toms Herzen gefunden haben und mittlerweile auch wir dort Zugang haben dürfen.

Die Geschichte von Rüsselinchen und Emma

 

In meiner Geschichte möchte ich euch zuerst Rüsselinchen und Emma vorstellen.

Rüsselinchen ist ein drei Jahre altes Hausschwein; sie ist sehr klein und mager, und sie ist ein orthopädischer Fall; sie hat Zeiten, in denen sie kaum laufen kann, da ihr die Hüfte und die hinteren Beine schmerzen.

Rüsselinchen kam mit zwei anderen Ferkeln zu uns auf den Hof. Da wir ein Hof sind, der neben der tiergestützten Pädagogik auch Wert auf Eigenversorgung legt, kamen diese Schweinchen zu uns, um, wenn sie groß und kräftig sind, geschlachtet und gegessen zu werden. So war der Plan. Aber, wie bestimmt jeder schon einmal bemerkt hat, gibt es Tiere, die menschich denken können. Ein solches Schwein ist Rüsselinchen.

Viele denken jetzt bestimmt, tiergestützt arbeiten und gleichzeitig schlachten- wie lässt sich das vereinbaren?

Wir denken, das macht Sinn. Es gibt nun einmal nicht das Schwein, was in der Plastikverpackung gezüchtet wurde. Bei uns gibt es einen Kreislauf aus Leben und Tod. Tiere werden geboren und Tiere sterben. Wer Fleisch isst, sollte auch wissen, dass dieses Fleisch gelebt und ein Gesicht hatte. Wir wissen, dass unsere Tiere würdig leben und ebenso würdig sterben.

Nun aber zurück zu Rüsselinchen. Die Ferkel zogen ein und wurden rasch größer und dicker; Rüsselinchen hörte allerdings irgendwann auf zu wachsen und schnuffelte uns jedesmal beim Füttern mit ihrer dicken Schweinenase an; dabei wackelte sie mit ihren überdimensional großen Ohren und gab niedliche Grunzlaute von sich.

Sie überzeugte uns von Tag zu Tag mehr mit ihrer Lieblichkeit und erhielt von uns den Namen Rüsselinchen. Ein Tier, das einen Namen erhalten hat, wird nicht geschlachtet, auch das ist ein Gebot auf unserem Hof.

Nun möchte ich Emma vorstellen. Emma hatte ein trauriges Leben; früh musste sie von zu Hause fort und kam von einem Kinderheim ins nächste. Sie war bindungslos und irrte durch die Welt. Sie wünschte sich nichts mehr als ein bisschen Geborgenheit und Liebe. Sie wollte aber vor allem sich selbst verstehen, denn der Irrgarten ihrer Gefühle machte ihr am meisten zu schaffen. Es gab Zeiten, in denen sie sich komplett in eine Parallelwelt zurückzog, da sie die reale Welt aufgrund der vielen Verletzungen ihres Herzens nicht mehr ertragen konnte.

Es war Sommer, die Bäume hingen voller Obst, die Tiere lagen auf den Koppeln und ließen sich die Sonne auf die Bäuche scheinen. Auch uns Menschen ging es gut. Wir genossen es, dass unsere Körper die Wärme aufsogen und das Licht ermunterte uns zu singen und zu lachen.

Rüsselinchen hingegen bekam in ihrem Stall wenig Sonne und Wärme zu spüren.

Zu dieser Zeit hatten wir Besuch von Emma. Wir beschlossen, Rüsselinchen ein Außengehege zu bauen, damit auch sie das Leben genießen konnte.

Wir bauten ihr ein Vordach, und stellten Pfähle her und steckten diese in den Boden. Von der Idee „Freiheit für Rüsselinchen“ war Emma so begeistert, dass sie völlig über sich hinauswuchs und arbeitete wie noch nie. Sie strich das Stallgebäude und die Pfähle, sie redete mit Rüsselinchen und fühlte sich sauwohl. Sie lachte und scherzte und war sogar ein wenig übermütig.

Die Idee, einem kleinen Schwein Freiheit zu schenken, machte auch sie frei in ihrem Herzen. Zumindest während dieser Zeit hat Emma ihr Leben nicht nur geträumt sondern sie hat ihren Traum gelebt.

 

 

 

 

 

Eine Stundenblume Zeit...

 

Seit ich ein Kind bin, finde ich Schildkröten faszinierende Tiere.

 

Kassiopeia bei Momo- die Schildkröte, die eine halbe Stunde in die Zukunft schauen kann und doch nicht sagen kann, was passieren wird; die Momo mit ihrer Stundenblume begleitet, als die Zeit stehenbleibt und nur über geschriebene Worte auf ihrem Panzer reden kann.

 

Für mich als Kind riesig scheinende Schildkröten im Zoo, die ab und zu ihren Kopf ein- und ausziehen und alle Zeit der Welt haben. Wie viele Stunden habe ich diese Tiere beobachtet?

 

Ende letzten Jahres war ich in einer Zoohandlung und habe eine kleine griechische Landschildkröte erspäht- dieses Ereignis hat meinen Wunsch nach einer Schildkröte wieder aufkeimen lassen. Irgendwann, so haben wir geplant, soll bei uns einmal ein Testudoland entstehen. Dafür ersteigerte FU mehrere Fachbücher.

 

Ostersonntag war ich unterwegs und durfte über längere Zeit auch nicht nach Hause kommen. Gegen Mittag, ich platzte schon fast vor Neugier, durfte ich dann wieder die Wohnung betreten. Ich betrat die Stube und sah das schönste Geschenk meines Lebens. Auf einer aufgearbeiteten Kommode stand ein Terrarium; dieses hat einen Sonnenfelsen mit darunter liegender Höhle, eine Wasserstelle, in ihm  ist ein Lavendel- und ein Rosmarinbäumchen gepflanzt, und natürlich noch andere Gewächse.

 

Auf dem Sonnenfels saß Maria. Maria ist eine täuschend echte unechte griechische Landschildkröte. Unter ihr lag ein Zettel, dass in Kürze Larissa und Dascha eintreffen werden, da Maria sie hierher eingeladen hat. Aber da Schildkröten nicht so schnell sind, dauert es noch ein Weilchen.

Am nächsten Tag sollten meine Schwägerinnen zu Besuch kommen- aha- kombiniere, es sind hessische Krötchen. FU erzählte mir, dass eine griechische Landschildkröte einen langen Weg hierher in den hohen Norden hat, dass es aber gut sein kann, dass sie eventuell nette Menschen finden, die kleine Anhalterinnen mögen und die sie Stück für Stück ein wenig schneller mitnehmen.

Ostersonntag war für mich ein harter Tag. Lange Stunden des Wartens vergingen.

Ostermontag, morgens früh um sechs, kam dann das ersehnte Auto. Die beiden Anhalterinnen hatten es wirklich geschafft, an Bord meiner Schwägerinnen zu kommen.

Wir setzten sie in das wunderschöne Terrarium; sie fühlten sich bald wohl.

 

Am Anfang zogen sie immer noch schnell ihre Köpfchen ein, wenn man ihnen zu nahe kam- mittlerweile rennen sie uns schon fast entgegen, wenn wir ihnen frische Kräutlein bringen.

 

Schildkröten bewegen sich meist, wenn man wegschaut- dann aber in einem enormen Tempo.

Schildkröten haben feste Gewohnheiten- sie schlafen beispielsweise bis morgens um neun, um sich dann zu sonnen und zu essen.

Schildkröten entschleunigen- ein großer Pluspunkt für unserer tiergestützte Arbeit.

Schildkröten sind nicht langweilig; sie klettern, haben eine klare Mimik und überraschen uns immer wieder.

Schildkröten dürfen nicht angefasst, nur beobachtet werden.

 

Ich denke, unsere Zeit ist viel zu schnelllebig mit viel zu vielen Reizen, die wir verarbeiten müssen- anstrengend.

 

Bei Momo haben die Menschen begonnen, Zeit zu sparen und dabei vergessen, im Jetzt zu leben. Ich möchte unseren Klienten eine Stundenblume Zeit schenken, um ruhig zu werden, zu entspannen und auf die kleinen großen Bewegungen unser zwei neuen Bewohner zu achten.

Vielen lieben Dank an FU, Anette, Bettina und Hanna (ich wünsche uns noch viele gemeinsame Stunden)

 

 

 

 

 

 

Aus Rabensicht

(für Tom zu seinem halbjährigem Ritual)

 

Der Rabe Egon flog durch den Himmel. Auf einer Wolke bemerkte er einen Drachen und eine traurige Frau; er beschloss zu dieser Wolke zu fliegen. Die Frau lehnte sich an dem Drachen an, neben ihr lag eine lange Strickleiter. Da Egon dieses Bild etwas merkwürdig fand, landete er neben der Frau, schaute sie schief an und fragte, warum sie denn auf dieser Wolke säße und nicht unten auf der Erde sei. Sie antwortete ihm, dass sie an ihren sicheren Ort geflüchtet wäre, da es bei ihr auf dem Hof momentan viel Stress mit einem Jungen gäbe, der nun, gerade heute, ein halbes Jahr bei ihr sei. Der Junge hätte eine schwierige Phase, sei am bocken und meckern, wie ihre Schafe und Ziegen, wenn diese einen schlechten Tag haben.

Der Rabe Egon beschloss, sich diesen Hof anzusehen.

Er flatterte vom Himmel im Steilflug Richtung Erde und landete in Weitenhagen, in der Dorfstrasse auf einem blauen Tor. Kaum gelandet, kamen vier Hunde auf ihn zugerannt. Der Rabe erklärte den Hunden, dass er eine Wolkenfrau getroffen hätte, die meinte, sie würde hier leben. Er erzählte ihnen, sie hätte großen Kummer wegen einem Jungen, der hier auch lebt. Er fragte die Hunde, was das denn für ein Junge wäre. Daraufhin fingen die Hunde an zu erzählen:

Bei dem Jungen handelt es sich um Tom.

Tom ist ein feiner Kerl- er füttert uns und geht mit uns spazieren; er schmust mit uns und kümmert sich; das Beste aber ist, dass einer von uns immer bei ihm schlafen darf. Die kleine Schäferhündin Jolka ergänzt: „Ich bin Toms Pflegehund; er hat mein Kind an einem schrecklich kalten Wintertag gefunden und hat uns ins Warme gebracht. In letzter Zeit ist er aber anders zu uns - er ist oft wütend, dann erschrecken wir uns; manchmal füttert er uns auch nicht, dann haben wir Hunger; dass ist so schade, denn wir mögen ihn sehr…“ Egon war, als liefe eine Träne über Jolkas Gesicht.

Egon machte sich auf den Weg zu den Schafen. Im Stall angekommen, setzte er sich auf Filous Rücken und sprach die gesamte Herde an:

„Ihr Schafe, hört mir einen Augenblick zu, ich möchte mich nach dem Jungen Tom erkundigen, könnt ihr mir etwas über ihn erzählen?“

Ein kleines wolliges, weißes Schaf namens Wölkchen trat nach vorne.

Sie begann zu erzählen:

„Als Tom auf den Hof kam, hielt er uns für kleine Wölfe, da er große Furcht vor uns hatte; er flüchtete vor uns auf Bäume… einerseits hat mir das sehr geschmeichelt, dass endlich einmal ein Mensch meine Hörner für voll genommen hat - andererseits habe ich mich dann auch gefreut, dass er immer mehr Kontakt zu uns aufgenommen hat. Wir hatten hier einen sehr harten Winter, aber Tom hat uns gut gepflegt und umsorgt; er hatte stets ein wachsames Auge auf die schwachen und alten Tiere. Manchmal mussten wir allerdings ziemlich lange auf unser Heu warten, da er mit Susa und FU viel zu lange gebockt hat, weil er uns nichts zu essen geben wollte; da waren wir teilweise schon ein bisschen ärgerlich.“

Als Wölkchen geendet hatte, trat ein ganz kleiner, pummeliger Bock aus der Mitte hervor:

„Ich bin Hagrid, diesen Namen hat Tom mir gegeben. Ich stand im Winter mit dem uralten Leitbock Böckie in der Box. Erst hat Tom uns gar nicht gefüttert, da er Angst vor Böckie hatte. Aber irgendwann kam auch er zu uns in die Box. Und du wirst es nicht glauben, aber im Laufe der Zeit hat er sich sogar das Vertrauen von Böckie erobert. Ich konnte es nicht glauben, aber Böckie hat Tom wirklich aus der Hand gefressen.“

Egon hatte genug gehört, er flog zu den Ziegen weiter. Auch diese frechen und gewitzten Geschöpfe befragte er zu Tom.

„Was sollen wir sagen, in letzter Zeit wirft uns der Bengel nur ein bisschen Heu in den Stall und geht wieder - früher war es anders mit ihm; früher hat er uns gestreichelt und liebkost. Er hat sogar unseren toten Jungen beerdigt und hat eine Rede gehalten, dafür sind wir ihm sehr dankbar. Trotzdem, er könnte sich mehr kümmern, mit uns spielen und uns etwas beibringen; wir sind mehr von ihm gewohnt, als er im Moment an den Tag legt.“

Der Rabe verabschiedete sich von den Ziegen und zog zu den Schweinen weiter.

Als er auf ihrem Fenster landete, streckten sie ihm ihre kleinen süßen Rüsselchen entgegen und grunzten, erfreut über den Besuch.

Annabelle und Phoebe erzählten, aufgeregt und sich in ihren Stimmen überschlagend:

„Tom hat Angst vor uns- aber das glauben wir ihm nicht ganz; wir denken, er möchte sich nicht mit uns beschäftigen. Wir haben ihm noch nie etwas getan. Er gibt uns oft zu wenig Wasser oder vergisst uns zu füttern; aber er arbeitet zur Zeit an unserem Freigehege mit, das müssen wir lobend erwähnen; wir haben die Hoffnung, dass er uns dann öfter besucht und uns streichelt - das mögen wir nämlich sehr gerne.“

Der Rabe Egon flatterte erst auf den Rücken des einen Schweins dann auf den Rücken des anderen Schweins und streichelte zärtlich mit seinem Schnabel über deren Rücken.

Dann machte er sich auf den Weg zur Pferde- und Eselkoppel.

Erst fragte er die Pferde nach Tom.

„ Ich bin Chocolate, ich bin Toms Lieblingspferd. Auf mir reitet er. Anfangs kamen wir nicht miteinander zurecht; er war abgelenkt, hat sich nicht auf mich konzentriert und wurde hektisch auf meinem Rücken. Aber nach ein bisschen Üben wurde er ruhiger. Ich bin Toms Kaiserin.“

Nun meldete sich die kleine Ronja zu Wort:

„Du bist die Kaiserin, putzt er dich, kümmert er sich um dich, wenn er nicht auf dir reitet, tränkt er dich zuverlässig? Ich denke nicht, und wir anderen werden überhaupt nicht beachtet, dass finde ich nicht schön!“

Der Rabe war erschrocken über den Gefühlsausbruch der Räubertochter.

Er wandte sich an die Esel.

„Uns mag Tom, er kommt uns manchmal besuchen und streichelt uns- schade ist nur, dass er nicht öfter kommt; wir sind so schmusig, es würde uns freuen, wenn er sich zu uns legt oder uns eine Ohrmassage geben würde; aber er ist schon ein lieber Junge.“

Jetzt flog Egon weiter zum Gänsegehege:

„Tom füttert uns jeden Tag und bringt uns Wasser, dafür sind wir dankbar; wir würden uns nur wünschen, dass er unsere Furcht und unser Gemüt ein bisschen ernster nimmt. Er kommt immer angespannt und mit einem Stock bewaffnet in unser Gehege; warum versetzt er uns immer in Angst und Schrecken? Würde er sich etwas kleiner machen und uns zum Essen einladen, müssten wir keine solche Furcht erleiden und müssten uns nicht aus lauter Angst verteidigen.“

Gleich bei den Gänsen wohnen die Kaninchen:

„Wir bekommen von Tom immer Futter, wir würden es gut finden, wenn er zu uns in den Stall käme, wir werden gerne gekuschelt.“

Bei den Hühnern hörte Egon folgendes:

„Tom lässt uns jeden Morgen aus dem Stall, das finden wir sehr nett von ihm. Er beobachtet abends genau, ob wir alle da sind, wir vertrauen Tom.“

Die Katzen waren voller Lob für ihn. Sie werden gestreichelt und umsorgt; sie spüren Sicherheit bei ihm; er achtet auf sie.

Nun flattert Egon noch ins Haus zu den Schildkröten und Fischen:

Beide Tierarten sind darauf angewiesen, dass sie Ruhe haben und nicht oft vom Menschen gestört werden.

Dascha, eine Schildkröte, erzählt:

„Ich bin sehr zufrieden mit Tom, er beobachtet uns nur aus der Ferne. Wenn ich mal auf dem Rücken liege, hilft er mir wieder auf die Füße; ich höre ihn gerne erzählen.“

Nun hatte der Rabe Egon wirklich genug gehört; er landete auf Toms Schulter und erzählte ihm von Susa auf der Wolke und von den Tieren. Tom wirkte bedrückt - er beschloss, tief in seinem Herzen, den Tieren mehr Aufmerksamkeit zu schenken und den Menschen gegenüber weniger wütend zu sein.

Der Rabe, der in den Herzen der Menschen lesen konnte war zufrieden mit diesem Vorhaben - er flog zurück auf die Wolke und berichtete das Erlebte.

Erleichtert über das Gehörte bedankte sich die Wolkenfrau bei Egon, verabschiedete sich von ihrem Drachen und ließ die Strickleiter Richtung Erde herunter.

Als sie abends mit Tom und seinen Menschen zum halbjährigen Ritual am Feuer saß, kam Egon noch mal zu ihnen geflattert. Er war zufrieden mit dem Bild, was er sah. Alle wirkten friedlich und entspannt. So konnte Egon beruhigt aufbrechen und Weitenhagen hinter sich lassen.